„Jeder lügt ein bisschen“

Am Universitätsklinikum lügen Ärzte, damit ihre Patienten schneller Hilfe bekommen. Sind sie damit zu weit gegangen?

Die Enthüllung findet 2012 statt. Ärzte machten ohnehin schon kranke Menschen auf dem Papier noch kränker, um sie auf der Warteliste Spenderorgane nach oben zu schieben. Die Süddeutsche Zeitung nannte es den größten Organspende-Skandal der bundesrepublikanischen Geschichte. In Göttingen, München, Regensburg und Leipzig müssen sich Ärzte und Krankenhausmanager für die Manipulationen verantworten.

Dass dabei auch die Krankenhäuser an den teuren Transplantationen mitverdienten und sogar Organe außer Landes geschafft wurden, führte zu heftigen Diskussionen. Ärzte waren auf einmal die Bösen.

Drei Jahre später kommt der Skandal in Jena an. Das Universitätsklinikum muss ebenfalls Manipulationen im Zusammenhang mit Organtransplantationen eingestehen. Die Prüfungs- und Überwachungskommission (PÜK), die nach den Veröffentlichungen eingerichtet worden war, stellte nach einer Kontrolle Auffälligkeiten in den Angaben der Medikationen fest.

In der Stellungnahme des Krankenhauses heißt es dazu: „Nach Auffassung der Kommission gab es für diese Veränderungen keine medizinische Begründung“ und „die Prüfungskommission kommt dabei zum Schluss, dass diese Verstöße systematisch erfolgten.“ In mehr als der Hälfte aller Herztrans- plantationen und einem Drittel al- ler Lungentransplantationen im UKJ wurden solche Abweichungen festgestellt. Der damalige Leiter des Herztransplantationsprogramms musste gehen und die Klinik gelobte Besserung. Gleichzeitig betonte das Krankenhaus, dass dieser Fall ganz anders zu betrachten sei: Die Ärzte hätten stets nur das Wohl des Patienten im Sinn gehabt. Bereicherungen seien ausgeschlossen.

Das Wohl des Patienten im Sinn

Dürfen Ärzte zum Wohl ihrer Patienten lügen? Für Professor Nikolaus Knoepfler, Dozent für Medizinethik, ist das menschlich verständlich: „Ärzte sehen sich durch den Mangel an Spenderorganen und die langen Wartezeiten geradezu genötigt, alle Mittel einzusetzen, um ihrem Patienten zu helfen.“ Die Transplantationsmedizin ist keine Massenabfertigung. Es herrscht ein viel engeres Verhältnis zwischen Patient und Arzt.

Knapp 2.500 Mal werden in Deutschland jährlich Lungen, Herzen, Nieren und Lebern entnommen und eingepflanzt. Und trotzdem stirbt alle acht Stunden ein Mensch, weil es kein passendes Spenderorgan gibt. Für die Ärzte ist das belastend. Sie wollen ihren Patienten, mit denen sie häufig viel Zeit verbringen, helfen und können es nicht. Manipulation ist dann für sie der logische Ausweg: Wenn mein Patient auf dem Papier kränker ist, dann bekommt er schneller ein Spenderorgan.

Für Knoepfler ist das zu kurz gedacht. Er sieht gleich zwei Probleme in den Manipulationen und zieht einen Vergleich zum Doping: „Wenn jeder lügt, dann stehen am Ende alle auf der gleichen Stufe und niemand gewinnt etwas.“

Viel gravierender ist für ihn aber der Vertrauensverlust in der Bevölkerung. Bereits nach dem ersten Skandal 2012 sank die Spenderbereitschaft rapide. Die Menschen hatten schlichtweg Angst, dass Organe an den Höchstbietenden verkauft werden oder Ärzte Patienten vorschnell für tot erklären, um die wertvollen Organe zu entnehmen.

Für Clara, Medizinstudentin im fünften Semester, hat das Problem aber auch mit Gerechtigkeit zu tun. Junge Menschen, die ihr ganzes Leben noch mit dem gespendeten Organ verbringen könnten, werden genauso behandelt wie Intensivpatienten, die unter Umständen bald sterben könnten. „Ob das gerecht ist, weiß ich nicht, aber eine Regel muss man finden“, sagt sie. Im Studium würden solche Fragen zu wenig behandelt, findet Clara:

„Wir haben zwar eine Vorlesung über Ethik in der Medizin, aber ich finde das zu wenig.“

Knoepfler schränkt aber ein: „Viele Studenten sind einfach mit anderen Dingen beschäftigt und wollen erstmal Arzt sein.“ Ethische Fragen rücken im Studium in den Hintergrund. Eine einfache Lösung für die Manipulationsanfälligkeiten des Systems kennt Knoepfler auch drei Jahre nach den ersten Enthüllungen nicht. „Wichtig sind vor allem Transparenz und Durch- setzbarkeit der Regeln“, sagt er und schlägt gleichzeitig schwerere Strafen für Betrug vor. Noch sind Manipulationen nur Ordnungswidrigkeiten. Der Arzt müsse die Folgen seines Handelns stets im Hinterkopf haben. Und wenn er zum Wohl des Patienten lüge, dann falle das irgendwann auch auf seine anderen Patienten zurück.

Erschienen: Akrützel #351

Nahtoderfahrung Linksverkehr

Ichwerdesterben!Ichwerdesterben! Ichwerdesterben! Meine schweißnassen Hände umklammern das Lenkrad, ich gebe langsam Gas. Geschafft: Ich habe den Parkplatz verlassen! Ein Erfolg, der meinen infarktuösen Adrenalinspiegel um einen angenehmen Endorphinschub ergänzt. Dann merke ich, dass noch mindestens 600 Kilometer Linksver- kehr vor mir liegen – jep, ich werde definitiv sterben!

Seit meinem 18. Geburtstag besitze ich einen Führerschein. Ein Papier, das lange Zeit sinnlos für mich war: Circa 150 Kilometer Fahrpraxis bis zum 26. Lebensjahr sprachen nie wirklich für eine Zukunft als Rallyefahrer. Und dann erzählt die Dame am Mietwagen- schalter des Flughafens Edinburgh im schönsten schottischen Dialekt: „Oh your friend is not over 25. This is an additional 40 Pounds per day.“ Meine nächste Erinnerung ist, wie ich die Fahrertür eines weißen Corsas öffne und mich hinter das Steuer setze. Den skeptischen Blick meiner Sitznachbarin im Augenwinkel.

Zwei Wochen später werde ich stolz erzählen,dassichmeineBegleitung und mich nur zwei Mal fast umge- bracht hätte! Das erste Mal beim Rechtsabbiegen auf einer Landstra- ße, als ich gewissenhaft nach Fahrzeu- gen auf der Straße Ausschau halte. Lei- der suche ich in der falschen Richtung und ein kleiner Kastenwagen muss so stark abbremsen, dass er action lmar- tig ins Schlingern kommt. Als die Fah- rerin, eine stämmige Schottin mit Ar- nie-Oberarmen, aus dem Auto steigt, um mir die Fresse zu polieren, kann ein gestottertes „We’re from Europe!“ sie beruhigen. Der zweite Beinaheunfall entsteht, als ich einem vor mir fahrenden Fahrzeug fast den rechten Seitenspiegel abrasiere. Anscheinend muss man in Schottland beim Verlassen von Kreis- verkehren auf beide Seiten achten. Lautes Hupen bestätigt meine Vermutung. Der Fahrer möchte mir meinen Fehler aber mit einem Mittelfinger noch mal deutlich machen. „Sorry, I’m from Europe!“

Unzählige Schaltfehler, Flüche, Entschuldigungen und Heulkrämpfe später haben wir dann endlich Edinburgh verlassen.

Ab da wird alles leichter und mir bleibt sogar Zeit, die überfahrenen Tiere am Straßenrand zu zählen und mich auch sonst der beeindruckenden Kulisse des Schauspiels Linksverkehr in schottischen Highlands zu erfreuen. Und immerhin habe ich mittlerweile 800 Kilometer Fahrpraxis!

Erschienen: Akrützel #347

Das Chaos kommt an Tag 43

Manchmal muss man einfach Mitleid mit den Studenten der prä-digitalen Zeit haben. Für jedes Formular, jede Kleinigkeit mussten sie zum Aspa. Und dort natürlich warten. Wir hingegen genießen die Vorteile einer digitalen Verwaltung: Prüfungsanmeldungen, Studienbescheinigungen, Noteneinsicht. Alles bequem vom Sofa aus. Also zumindest in der Theorie. Besonders die frühe Prüfungsanmeldung löst bei vielen Studenten jedes Jahr aufs Neue eine Depression aus.

Spätestens sechs Wochen nach Semesterbeginn müssen alle Prüfungen angemeldet sein, ansonsten heißt es: Mindestens ein halbes Jahr warten, häufig sogar ein ganzes, weil Seminare teilweise nur alle zwei Semester angeboten werden. Nachträgliche Anmeldung? Geh sofort zum Aspa und nicht über den Professor. Nachträgliche Abmeldung? Computer sagt Nein.

Hausgemachte Probleme

Damit schafft die FSU ein Problem, welches keines sein müsste. An anderen Unis kann man sich bis einen Tag vor den Prüfungen ab- oder anmelden. Selbst Dozenten n- den die strengen Vorgaben anstrengend, die hauptsäch- lich Stress bedeuten, wenn Mitte des Semesters mal wie- der etliche Studenten vergessen haben, sich für die Prü- fungen anzumelden oder lieber keine schreiben wollen. Anträge laufen immer über den Allgemeinen Prüfungs- ausschuss, der jeweils individuell entscheidet. Das funk- tioniert bei dem Einen mehr, bei dem Anderen weniger gut. Ähnlich beim Rücktritt von Prüfungen: Schnell noch eine Trennung oder ein verstorbenes Haustier herbei- fantasiert, um die Klausur nicht mitschreiben zu müssen.

Wenigstens in der Philosophischen Fakultät haben einige das Problem erkannt und in einer Fakultätsratssitzung nun versucht, eine möglichst gute Lösung für alle zu finden. Es könnte also nach langer Zeit zu einer Lösung in dem Kon ikt kommen.

Argumente für eine Verlängerung der Fristen gibt es genug: Es wäre ein Entgegenkommen gegenüber den Studenten, die wegen der Bologna-Reform ohnehin schon sehr viele starre Regeln befolgen sollen. Zwar sagen einige naturwissenschaftliche Fächer, sie bräuchten lange Vorlaufzeiten, um beispielsweise Geräte zur Verfügung zu stellen, aber erstens funktioniert das ja scheinbar bei Zweitversuchen auch ohne diese Zeit und zweitens verschimmeln Mikroskope eher selten.

Der Dachs aus der Hölle

Auch die Behauptung, eine Veränderung der Fristen sei bei Friedolin nicht möglich, ist mehr vorgeschobenes Argument als echte Auseinandersetzung mit dem Problem.
Ein Verwaltungssystem, in dem die Universität keine Gestaltungsmöglichkeiten hat, wäre ein Armutszeugnis und ein Zeichen für noch schwerwiegendere Probleme mit Friedolin.

Überhaupt könnte sich das Aspa durch eine Lockerung der Fristenregelung eine Menge vollkommen über üssiger Anträge sparen und hätte mehr Zeit für die kleinen und großen Probleme der Studenten. Aber das wichtigste Ar- gument wären wohl die rapide abnehmenden Durchfall- quoten, Krankschreibungen und Drittversuche.

Endlich könnten Studenten selbst entscheiden, ob sie sich gut genug für eine Klausur vorbereitet fühlen und ob sie das Modul überhaupt abschließen möchten. Ohne Zwang und ohne das von der Uni in Kauf genommene Chaos.

Erschienen: Akrützel #344

Unterwerfung

Das waren noch Zeiten, als die Fronten zwischen den großen Verlagen und dem Internet geklärt waren: Auf der einen Seite die rechtschaffenen Verlage, die nur ein wenig Gegenleistung für ihre großartigen aufklärerischen Artikel wollten und auf der anderen Seite das böse Internet mit dieser widerwärtigen „Kostenloskultur“.

Heute hat Facebook „Instant Articles“ vorgestellt und mehrere Verlage haben sich scheinbar gedacht, Facebook eine Freundschaftseinladung zu schicken und bei dem Projekt mitzumachen. Instant Articles erlaubt es, kurz gesagt, den Verlagen ihre Artikel komplett auf Facebook zu veröffentlichen. Leser müssen nicht mehr den Link klicken und werden dann auf die Website weitergeleitet, sondern können in der App den gesamten Artikel lesen. Damit wird Facebook so etwas wie ein eigener kleiner Kosmos. Die Seite verlassen und einfach mal auf andere Websites gehen? Viel zu sehr 2014.

Die Vorteile für Facebook sind damit klar: Der Inhalt bleibt bei ihnen, die (Werbe-)Kunden auch. Dadurch können natürlich auch noch mehr Daten über die Nutzer gesammelt und die Werbung noch besser gestreut werden.

Die Vorteile für die Verlage sind auf den ersten Blick auch klar: Die Hürde überhaupt zu klicken fällt weg. Ob Artikel deswegen ab sofort mehr gelesen werden, bleibt vermutlich aber erst mal ein Geheimnis. Zusätzlich hat Facebook die Verlage mit einem Angebot gelockt, dass sie nicht ablehnen können: Massive Reichweite und einen Großteil der Werbeeinnahmen. Vermarkten die Verlage ihre Inhalte selbst, dürfen sie die Einnahmen sogar vollständig behalten, ansonsten streicht Facebook 30% ein.

In Deutschland sind von Anfang an Spiegel Online und Bild.de dabei, also die beiden reichweitenstärksten Nachrichtenseiten in Deutschland. SpOn sieht Instant Articles als Test,  um „einiges darüber zu lernen, wie sich unsere Inhalte in sozialen Netzwerken am besten darstellen und verbreiten lassen.“ Selbstverständlich würde die Integrität nicht angegriffen und sie würden „unabhängig und kritisch bleiben, betont SpOn. Zumindest für Artikel-Bilder über Femen kann das aber jetzt schon bezweifelt werden, weil Brüste zu sehen sind!

Und auch wenn das Femen-Beispiel ein Einzelfall sein mag und konstruiert wirkt, ist genau hier der Knackpunkt an Instant-Articles. Die Verlage unterwerfen sich den Regeln des Netzwerkes. Es ist unwahrscheinlich, dass für die Seiten der Medien auf einmal andere Regeln gelten sollen. Emily Bell, Professorin an der Columbia School of Journalism, hat in auf sueddeutsche.de klar gemacht: Die Verlage müssen mit den großen Firmen aus Amerika zusammenarbeiten, um den Anschluss nicht zu verlieren, sich gleichzeitig aber auch immer der Konsequenzen bewusst sein.

Instant Articles ist aber auch auf der Ebene der Nutzer kritisch zu sehen. Wenn immer mehr Inhalte vollständig auf Facebook konsumiert werden, bleibt man auch immer mehr und länger auf Facebook. In seiner eigenen kleinen Filter-Blase. Wozu nach draußen gehen, wenn die blauen Balken vor der Welt da draußen beschützen. Dadurch unterwirft sich der Nutzer mindestens genauso den Regeln von Facebook wie die Medienhäuser.

Smartphone-Sucht

Ich mache Schluss mit dir. Ich halte das nicht mehr aus. Du hast es auf die Spitze getrieben und mich zu diesem Schritt gezwungen. Allein heute morgen: erstmal musstest du deine drei Anrufe in Abwesenheit, fünf SMS, 35 WhatsApp-Nachrichten und 16 neuen Tinder-Matches im Bett abarbeiten. Nur, um dann panikartig unter der Dusche zu verschwinden und mich zu verfluchen, wie Edmund Stoiber seinen Problembären. Hör zu: Ich bin nicht verantwortlich für dein Prokrastinationsproblem. Ich bin nur dein Smartphone.

Kaum bist du aus dem Haus, wirfst du mich in deine Handtasche, wo ich zwischen Taschentüchern, Kaugummis, Stiften, Tampons, Kleingeld und Schlüsseln um Luft kämpfe. Merkst du nicht, wie ich leide? Wie ich daran kaputt gehe?

Dabei gehörst du mir und nicht ich dir. Immerhin schaust du mich häufiger an als „Schatzi“. Ohne mich würdest du dich vermutlich nicht mal mehr an seinen Geburtstag erinnern. Apropos: Der ist nächste Woche! Dauernd greifst du nach mir, drückst mich an deine Wange und bekommst Angst, wenn ich mal nicht in deiner Nähe bin. Du bist ein klassischer Fall von emotionaler Abhängigkeit.

„Was machst du gerade?“

Wenn du dann mal mit deinen Freundinnen telefonierst und dich in einem Tonfall, der zwischen Miley Cyrus und Carmen Geiss schwankt, über dein ach so hartes Leben beschwerst, würde ich mich am liebsten sofort abschalten. Aber das mit der politischen Bildung nimmst du echt ernst: Spiegel-Online, süddeutsche.de, Bild-Online. Immer wieder wechselst du von der einen App zur anderen und hoffst, etwas Neues zu finden. Was suchst du da überhaupt? Du liest doch sowieso nichts zu Ende und einen Beweis, dass dein Leben doch nicht so langweilig ist, wirst du dort nicht finden. Komplett liest du höchstens die Panorama-Artikel, wenn du die Geschichten nicht schon längst aus dem Promi-Flash kennst. Du hältst den größten Wissensspeicher der Menschheit in der Hand und alles, wofür du dich interessierst, sind die Namen von Brangelinas Kindern.

Das Allerschlimmste sind die Banalitäten deines Lebens, die du jedem mitteilen musst. Facebook, Twitter, Instagram und Tumblr. Dein Leben besteht nur noch aus Fotofiltern, sortierten Nachrichten-Feeds und einer grottigen Kommentarkultur. Und wenn dich Facebook mal wieder fragt: „Was machst du gerade?“, dann muss die Antwort lauten: „Nichts“ und auf gar keinen Fall: „Just chillin‘ with ma friends! #yolo“. Übrigens interessiert sich auch niemand für dein Foto vom letzten Kochabend, das vermutlich direkt nach deinem Like für Brot für die Welt in den Feeds deiner „Freunde“ erscheint.

Traumjob: Merkelphone

Manchmal wünschte ich, in den Händen eines Managers oder Politikers zu landen. Irgendjemand mit Ein uss. Mit Macht. Beziehungen, die wirklich von Bedeutung sind. Ich habe gehört, Merkel hat ein neues Handy. Und auch wenn ich nicht verschlüsselt telefonieren kann und ihr Kanzleramtschef mich nicht einmal in ihre Nähe lassen würde, hätten sie und ich doch so viel gemeinsam: Wir beide wollen Macht und schwarz bin ich doch auch! Na gut, eher grau, aber so genau nimmt Merkel es ja auch nicht. Ich könnte in ihren Kostümen durch die Welt fliegen, den widerspenstigen Alexis Tsipras anrufen und ihm die Hölle heiß machen oder Telefonjoker von Wolfgang Bosbach ignorieren. Oder mich im Bundestag von ihr betatschen lassen, während sie der Opposition nicht zuhört. Nachrichten würden nicht eine der 20 Milliarden WhatsApp-Texte sein, die täglich um die Welt geschickt werden, sondern von der NSA abgehört werden. Mit Priorität, wie aufregend! Sie würden sich nicht um die letzte Nacht, den letzten Typen oder die Uni drehen. Wichtig würden sie sein. Von wichtigen Menschen. Und nicht von dir.

Erschienen: Akrützel #342

Trollt sie hart!

Meine Replik auf Martin Gieslers „Zurücktrollen ist keine Option

 In den letzten Wochen hat sich in den großen Medienanbietern der Trend entwickelt, Trolle nicht mehr einfach hinzunehmen oder gegebenenfalls zu löschen, sondern sie im Gegenteil zu kontern. Mittel der Wahl ist dabei die Ironie: Der Post wird nicht nur lächerlich gemacht, sondern auf höchst ironische Art und Weise ernst genommen, wie Spiegel Online hier in einem Tweet von August 2014 zeigt.

 Ob es jetzt der „besorgte Bürger“ von XXgida oder der freundliche Aluhutträger von nebenan ist: Das Feindbild Lügenpresse haben sie gemeinsam und tragen das Bild begeistert in die Kommentarspalten der Online-Auftritte, Facebookprofile oder Twittertimelines. Die Texte sind eher inhaltsarm und reichen kaum über Beleidigungen und Ressentiments gegen Migranten oder Verschwörungstheorien (Das Hochkapital!!!!) hinaus.

Bildschirmfoto 2015-01-19 um 12.15.08 Welt Online hat jetzt anscheinend einen neuen Social-Media-Manager, denn seit einiger Zeit wird dort auf den Kreuzzug nicht nur mit „Bitte sachlich bleiben.“ reagiert. Der Schlagabtausch ist super lustig anzusehen und wird durch eine Menge Likes und ermutigende Kommentare belohnt.

 Und hier setzt Martin Giesler ein: Seiner Meinung nach ist dieser Umgang falsch und die Redaktionen sollten lieber den Dialog suchen.

Social Media sollte dafür genutzt werden, um mit den Lesern/Zuschauern wirklich ins Gespräch zu kommen.

 Das ist an sich natürlich vollkommen richtig, denn irgendwie sind die sozialen Netzwerke ja auch dafür gedacht. Martin lässt aber einen Punkt weg, ob er ihn vergisst oder bewusst vernachlässigt, kann ich nicht sagen: Die meisten Poster solcher Kommentare sind an einem Dialog oder Gespräch überhaupt nicht interessiert. Warum auch? Ihr Urteil steht fest: Die Lügenpresse hat natürlich unrecht, ist fremdgesteuert und sowieso total blöd. Man kann mit diesen Menschen nicht mehr reden. Ihr Weltbild hat sich so verfestigt, dass eine Meinungsänderung durch Fakten fast nicht möglich ist.

 Die beanstandeten Artikel sind auch selten faktisch falsch oder strittig, dass der Verfasser mitdiskutieren müsste. Sie entsprechen einfach nicht der Meinung der Trolle, die das lautstark mitteilen wollen.

Grundsätzlich hat Martin natürlich Recht, wenn er sagt:

Social Media sollte also 2015 endlich nicht mehr nur als Werbe-Kanal für das eigene Produkt verstanden werden.

Das hat aber nichts damit zu tun, dass man Trolle nicht zurück trollen dürfe, sondern im Gegenteil: Man muss es tun. Erstens findet das halbwegs interessierte Leserschaft auf jeden Fall lustig und zweitens schärft die Redaktion damit ihr Profil.

Was aber nicht heißen darf, jede Kritik einfach sarkastisch zu ignorieren. Denn auch hier hat Martin Recht: Gutes Social-Media-Management ist aufwendig und teuer. Und wenn es nötig ist, muss man mit dem Leser ins Gespräch kommen und auch Fehler eingestehen. Ob das jetzt der Autor eines Textes selbst tut oder ein Social-Media-Manager in Absprache spielt dabei eine untergeordnete Rolle.

Kann ich das nochmal sehen?

Es gibt eine Sache, die ich in meiner Zeit beim Akrützel schnell hassen gelernt habe, weil sie in vielen Fällen Probleme bereitet hat: Das Autorisieren von Zitaten. Diese im deutschen Raum verbreitete Praxis verkompliziert viele Vorgänge beim Akrützel enorm und hat bereits zu einer juristischen Auseinandersetzung mit einem Stura-Mitglied geführt.
Was denken die Leute, was ich mit ihren Zitaten mache? Dabei sind diejenigen noch die erträglichsten, die einfach nur noch mal ihre Zitate sehen wollen. Das verstehe ich bis zu einem gewissen Grad auch und erfülle den Wunsch in fast jedem Fall. Aber wenn dann jemand Sätze vollständig verändert und dann auch noch verlangt, dass der Artikel so gedruckt wird, fühle ich mich ziemlich hintergangen. Faktische Fehler natürlich ausgenommen. Wozu führe ich überhaupt das Interview, wenn ich am Ende gar Nichts davon verwenden darf?

Menschen, die keinerlei Erfahrung beim Umgang mit Journalisten haben, kann ich die Angst falsch wiedergegeben zu werden, sogar nachfühlen. „Profis“, wie Politiker oder Pressesprecher, hingegen sind ein ganz anderer Fall. Ihnen muss klar sein, worauf sie sich einlassen und was sie sagen können, wenn das Tonband läuft. Die „Profis“ sind auch die, die hinterher am meisten verändern wollen und manchmal nicht nur den Kontext des Zitats fordern, sondern teilweise auch den gesamten Artikel. Das ist nicht nur eine lächerliche Forderung, sondern würde dem Medium und mir als Journalist jegliche professionelle Integrität nehmen.

Gesetzlich ist die Autorisation über das Recht am eigenen Wort geregelt. Dadurch könnte man rein theoretisch der Veröffentlichung widersprechen. Daraus ist dann die Praxis entstanden, Zitate vor dem Veröffentlichen freigeben lassen, um Rechtsstreitigkeiten zu vermeiden, aber auch um Fehler zu korrigieren, die erst später bemerkt werden. Das wissen die „Profis“ natürlich und verstehen es die Autorisation für sich auszunutzen.
Was unerfahrene Menschen dazu treibt ihre Zitate oder sogar den Artikel vor Erscheinen lesen zu wollen kann ich nur vermuten: Ich sehe die Boulevard-Medien da nicht ganz unschuldig. Wo BILD, RTL und Co. Sensationsjournalismus betreiben, Persönlichkeitsrechte mit Füßen treten und Menschen der Lächerlichkeit preisgeben, kann nur Misstrauen und Angst gegenüber Journalisten wachsen.
Anfangs dachte ich, mit dem Problem haben wir hauptsächlich als studentische Zeitung zu kämpfen. Aber auch von taz (Hier ein bekannteres Beispiel), mittelhessen.de und Spiegel werden Zitate und ganze Artikel gefordert. So geschehen in einem Interview mit Renate Künast von den Grünen oder Kathrin Nachbaur, die sogar als  österreichische Kanzlerkandidatin im Gespräch war. Sie geht sogar noch weiter und lässt Journalisten eine Erklärung unterschreiben, nach der „der gesamte Interviewtext zur Einsicht und schriftlichen Bestätigung“ an sie gesendet wird. Das gilt auch für Titel und Einleitungstext.

Dabei sprechen Urteile eigentlich für den Journalisten. Gerichte bestätigen die Unabhängigkeit der Medien und nachträglich ist es gar nicht so leicht eine Autorisation zu verlangen. Ist für alle Beteiligten klar, dass es sich um ein Interview für eine Veröffentlichung handelt und die Aufnahme des Ganzen bekannt ist, kann der Interviewte nach dem Interview nicht einfach auf eine Autorisation bestehen. Ganz anders siehts aus, wenn vor dem Interview eine Abmachung getroffen worden ist. Und natürlich steht es jedem frei ein Interview abzulehnen, wenn ich einer Autorisation nicht zustimme.
Ganz anders ist es in den USA, wo eine Autorisation, wie in fast allen angelsächsischen Ländern nicht üblich ist. Dort wird man eher schräg angeschaut, wenn man vorschlägt: „Ich schicke dir die Zitate dann noch.“ Ulrike Langer hat in einem Digitalen Quartett das Thema mal angesprochen. Und obwohl hier bei dem Thema immer aufgeschrien wird, dass dann definitiv und auf jeden Fall nie wieder irgendjemand mit Journalisten reden würde, funktioniert das Pressesystem in den Staaten noch ganz ordentlich. Auch die veröffentlichen Zitate zeigen einen freien und entspannten Umgang mit Interviewern, bei dem genug zitierfähiges Material entsteht und der vergleichbar mit den Verhältnissen in Deutschland ist.
Ulrike Langer beschreibt eine Medienlandschaft, der zwar mit großem Misstrauen begegnet wird, in der aber „genauso viele Interviews gegeben werden“. Allerdings würden Interviews in Amerika selten als Frage-Antwort veröffentlicht, sondern eher im Text als Zitate. Sie berichtet aber auch von Versuchen der Obama-Regierung eine Praxis ähnlich wie in Deutschland einzuführen. Das hat zu Protesten in der Medienlandschaft geführt und wurde öffentlich diskutiert. (Hier und hier) Die Vorteile sieht sie in den umgeschönten Antworten und der schnelleren Veröffentlichung.

Eine Lösung des Problems ist nicht leicht zu finden, weil beide Seiten eine starke Erwartungshaltung an den jeweils Anderen haben. Journalisten sind natürlich an möglichst plakativen Aussagen interessiert und veröffentlichen diese dann auch, aber  der Interviewte muss stets wissen, auf was er sich eingelassen hat: Seine Worte können veröffentlicht werden und er muss gegebenenfalls auch dafür gerade stehen. Deswegen möchte er abgesichert sein. Entweder durch die Autorisation oder wenig aussagekräftige Antworten.

Weiterführende Links:

taz-Artikel: „Unter eins, zwei oder drei“
Medium.magazin: „Zwei Fragen“
Generelle Empfehlung zum Thema: Interviews führen – der Blog

Blogs zum Hören

Vermutlich bin ich 1000 Jahre zu spät und habe den Hype verpasst, aber ich habe ein neues Hobby. Podcasts! In diesem Fall nicht selber machen, sondern hauptsächlich hören. Angefangen hat das Ganze mit Folge 30 von Alternativlos, die ich vor einiger Zeit mal empfohlen bekommen habe, damals noch als Direkt-Download ohne Feed. Darin ging es um SIGINT, Kryptographie und die Crypto Wars. Nerd-Themen, gegenseitiges Getrolle und zynische Kommentare reichen ja eigentlich schon, um mich zu begeistern. Was mich aber dann restlos überzeugt hat, sind die ziemlich symphatischen „Moderatoren“, die auf der einen Seite sehr professionell arbeiten, auf der anderen Seite aber auf herrliche Art und Weise Unwissen mit Wikipedia und Google überdecken. So entstehen Diskussionen und Unterhaltungen, die mein Freundeskreis theoretisch genauso führt. Schnell bei Wikipedia nachgeschlagen und schon ist man Experte.

Was mich grundsätzlich bei Podcasts fasziniert, gilt genauso für Blogs. Die Befreiung von institutionellen Medien (die natürlich nicht uneingeschränkt gilt, aber dazu später mehr) und der Entwicklung von alternativen Verbreitungskanälen. Jeder wird irgendwie zum Sender und konsumiert wird das, was einen interessiert und womit man sich identifizieren kann. Der Unterschied zu einem einfachen Blog bei WordPress, blogger oder tumblr ist aber ein ganz entscheidender: Die Einstiegshürde ist vergleichsweise hoch, in der Produktion, aber auch im Konsum. Man benötigt nicht nur den Computer um einigermaßen professionell zu wirken, sondern wenigstens ein Mikrofon und ein Schneideprogramm. Das macht Podcasts anspruchsvoller in der Produktion. Im Konsum benötigt man einfach Zeit. Die Alternativlosfolgen sind im Durchschnitt 2,5 Stunden lang und die Zeit muss man erstmal aufbringen, während man einen Blogpost auch einfach überfliegen kann. Ich höre Podcasts meist beim Fahrradfahren oder in der Bahn. Da habe ich sowieso nichts besseres zu tun, als meinen Handyakku zu überfordern.

Neben den (halb-)privaten Podcasts gibt es auch fast jede Radioshow der öffentlich-rechtlichen als download- oder abonierbaren Podcast. Hier fällt der individuelle Teil natürlich weg, aber die Qualität der Reportagen entschädigt dafür. Das ARD radiofeature und Hintergrund vom Deutschlandfunk sind gut recherchiert und haben durchweg interessante Themen.

Zusammengefasst: Im Moment höre ich mehr Podcasts als Musik und hab auch noch Spaß dabei.

Der Kampf mit den Einsparungen

Journalismus ist nicht mehr finanzierbar. Die meisten Verlage schreiben rote Zahlen und Zeitungen kämpfen um ihr Überleben. Besonders gut ist der Ausblick auf meinen Traumberuf nicht. Aber es ist schön, dass ich nicht nur Zeitungmachen an der Uni üben kann, sondern auch direkt den Kampf mit den Einsparungen.
Grund dafür sind die massiven Kürzungen des Stura der Uni Jena am Akrützel – Es ist einfach nicht mehr genug Geld da. So amüsant und erfrischend die Geplänkel Akrützel gegen Stura bisher auch immer waren: Jetzt ist die Situation leider existenzbedrohend geworden, nachdem die Haushaltsverhandlungen immer schärfer und chaotischer geführt werden. Da tauchen plötzlich zwei zusätzliche Löcher von 15.000 und 7.000 Euro auf, ein Vorstand tritt nach knapp 3 Monaten im Amt zurück und die Schuld für die Haushaltsmisere wird hin- und hergeschoben. In einem Satz: Stura-Alltag vom feinsten.

Natürlich soll auch beim Akrützel gekürzt werden. Rund 20% sollen wir einsparen. Um dem Wunsch des Stura entgegen zu kommen, haben wir uns in der Redaktion notgedrungen unter anderem dazu entschlossen, auf eine Ausgabe im Januar zu verzichten. Ungefähr 1300 Euro werden durch die wegfallende Ausgabe eingespart.

In den Haushaltslesungen kristallisiert sich aber immer mehr heraus, dass der Stura sich nicht rechtzeitig auf einen Haushalt 2014 einigt. Das hat im Endeffekt eine Sperre der Konten zur Folge. Dem Stura wird der Geldhahn zugedreht. Ähnlich wie es in den USA im Herbst der Fall war, steht nun alles still. Es dürfen „nur rechtlich begründete Verpflichtungen erfüllt sowie unabweisbare Ausgaben bis zur Höhe eines Zwölftels der im abgelaufenen Haushaltsplan veranschlagten Mittel getätigt werden“, wie es in der Thüringer Studienschaftsfinanzierungsordnung heißt. Es bleibt abzuwarten, ob der Stura morgen in der 7. Lesung den Haushalts doch noch beschließt.

Deswegen gibt es jetzt vermutlich gar keine Ausgabe im Januar. Dem tatsächlich ernst gemeinten Tipp des Haushaltsverantwortlichen doch „eine Online Ausgabe“ zu machen, können wir nur ablehnen. Und so recherchieren wir fröhlich ins Ungewisse und warten, ob irgendein Mäzen uns sponsort. (Hallo ZEIT!, Hallo Jeff Bezos!)

Fortsetzung folgt!

Ein Text übers Scheitern

Ich bin gescheitert. An einem Text. Eigentlich kein Problem, denn wer hat nicht schon mal etwas versiebt. Trotzdem wurmt mich das Ganze. Mein erster Essay-artiger Text sollte besser sein, vor allen Dingen da es um mein Lieblingsthema „Internet“ ging. (Für Interessierte ist der Text in der neuen Akrützel zu finden.) Unkonkret, zu sehr in meinem Kopf und total abstrakt soll er sein. Ich könnte hier natürlich ausschweifend erklären, warum ich die Kritik so nicht teile, aber das ist vollkommener Schwachsinn. Ich will hauptsächlich für andere schreiben, nicht nur für mich. Und wenn andere meine Texte scheiße finden, dann ist der Sinn des Textes irgendwie verfehlt. Aber vielleicht muss ich damit leben. Es kann nicht jeder meine Texte toll finden (was nebenbei gesagt auch noch nie der Fall war). Und sowieso, jeder (Möchtegern-)Journalist hat mindestens einen Text in der Schublade, den er lieber nie wieder sehen will. Warum ich mich deswegen so fertig mache? Kritik nagt immer an einem, denn dann habe ich fast immer etwas falsch gemacht. Deswegen sollte das Motto sein, unter dem ich schreibe: Aufstehen, kurz schütteln und weitermachen. Scheitern gehört ja auch immer zum Lernen dazu. Immerhin schreibe ich ja beim Akrützel auch, weil ich die Kritik will. Meine Texte sind eher selten druckreif geschrieben und zu Beginn häufig durcheinander. Deswegen lautet ja der häufigste Ratschlag für Journalismusanfänger auch: Schreiben, schreiben, schreiben!!! Immerhin ist Journalismus ja auch irgendwie ein Handwerk, dass gelernt werden muss.